Unisonar

WAS MACHT DAS MIT MIR? Bildschirmzeit und Social Media

Episode Summary

Wir schauen ständig aufs Handy – aber wann wird das zum Problem? Lara Wolfers erklärt, wie Social Media unser Verhalten beeinflusst und warum es keine einfache Grenze für «zu viel» gibt.

Episode Transcription

Da haben wir manchmal das Problem, dass diese Diskussion, die das so ganz moralisch auflädt und die uns dazu bringt, dass wir möglichst selbstoptimiert sind, dass die uns dann eigentlich das, was diese halbe Stunde auf TikTok uns vielleicht helfen kann, nämlich mal kurz durchschnaufen, einfach mal was Sinnloses machen, vielleicht mal lachen, das uns wegnehmen kann, indem wir uns dann nachher schuldig fühlen, das Gefühl haben: Super, das war jetzt blöd. Und dann ist das echt das Schlimmste, was am Schluss rauskommen kann.

Das ist mir aktuell zu wenig, dass wir auch darüber reden, dass Kinder und Jugendliche auch ein Recht haben, online teilzunehmen an politischen Diskussionen und an gesellschaftlichen Diskussionen. Ganz viel davon findet auf Social Media statt. Da müssen wir schon gucken, dass gerade was Magersucht angeht, Inhalte auf sozialen Medien runtergenommen werden.

Du willst nur kurz aufs Handy schauen und plötzlich sind 20 Minuten vorbei. Ein Reel führt zum nächsten. Dann noch ein Video auf YouTube, vielleicht schnell eine Nachricht beantworten. Bildschirme sind heute immer dabei. Im Tram, in der Pause, abends im Bett.

Gleichzeitig wird immer häufiger darüber diskutiert, ob das zu viel ist. In Australien ist Social Media für Jugendliche verboten und Apps zur Bildschirmreduktion werden immer populärer.

Viele fragen sich deshalb: Was macht es mit uns, wenn wir ständig auf einen Bildschirm schauen oder zumindest jederzeit könnten? Ab wann wird Bildschirmzeit wirklich zum Problem? Wie beeinflussen soziale Medien unser Verhalten, unsere Konzentration oder unser Wohlbefinden? Und welche Erkenntnisse sind wissenschaftlich gesichert?

Darüber spreche ich heute mit Lara Wolfers. Sie ist Professorin für Digitale Lives an der Universität Basel und forscht unter anderem zu Medienpsychologie. Das ist Unisonar, der Wissenspodcast der Universität Basel. Lara Wolfers, herzlich willkommen!

Ich freue mich, hier zu sein.

Frau Wolfers, ich habe kurz auf mein Handy geschaut und gesehen, dass ich letzte Woche im Durchschnitt 69 Mal meinen Bildschirm entsperrt habe. Habe ich ein Problem?

Tatsächlich lässt sich das fast nie pauschal sagen. 69 Mal klingt erst mal unglaublich viel. Aber die Frage ist ja: Was macht man eigentlich? Wie viel davon ist nur kurz auf die Uhr schauen oder das Navigationssystem prüfen?

Problematisch wird es dann, wenn Dinge unterbrochen werden, die nicht unterbrochen werden sollten. Oder wenn man selber das Gefühl hat: Ich mache das eigentlich viel zu häufig und das macht mich unzufrieden.

Wie gut können die Leute das selbst einschätzen?

Viele Leute haben eigentlich das Gefühl, sie nutzen ihr Handy zu viel und hätten die Kontrolle verloren. Dieses Gefühl von Ohnmacht und Passivität kann problematisch sein.

Gibt es Kipppunkte?

Eigentlich nicht wirklich. Gerade bei Kindern versucht man oft über Zeitgrenzen zu sprechen, aber klare Forschungsergebnisse gibt es dazu kaum. Es kommt immer stark auf die Person und darauf an, was durch die Bildschirmzeit ersetzt wird.

Wie schwierig ist das für Eltern einzuschätzen?

Sehr schwierig. Je älter das Kind wird, desto schwieriger wird es auch zu wissen, was online passiert.

Können Sie ein konkretes Alter nennen?

Es kommt total darauf an. Aber persönlich würde ich sagen, dass Kinder etwa mit 12, 13 oder 14 alt genug sein können, vieles selbst zu regulieren.

Sie haben das Social-Media-Verbot angesprochen.

Ja. Ich glaube schon, dass man fair sein muss gegenüber so einer Regulation. Nur weil sie eingeführt wird, heisst das nicht, dass sofort alles perfekt funktioniert.

Aber ich glaube nicht, dass Jugendliche automatisch weniger traurig werden, nur weil Social Media verboten wird. Die Forschung zeigt eher viele kleine Effekte.

Oftmals sind ja die Fürsprecher für so ein Verbot Eltern, deren Kinder gestorben sind.

Gerade bei Magersucht oder Selbstmord müssen problematische Inhalte auf Plattformen stärker moderiert werden. Aber meistens ist die Onlinewelt nicht das einzige Problem.

Wie müsste denn diese Moderation aussehen?

Es braucht sowohl technische Lösungen als auch menschliche Moderation. Plattformen müssen Verantwortung übernehmen.

Das war ja das Problem bei Twitter beziehungsweise X.

Ja, die aktuellen Sanktionen funktionieren noch nicht gut genug.

Was ist wichtiger: Medienkompetenz oder Plattformregulation?

Medienkompetenz ist ein riesiger Faktor und total wichtig. Aber gleichzeitig müssen wir auch über Plattformregulation sprechen.

Ich finde es schwierig, so eine Abstimmung über ein Verbot zu machen.

Ja, weil wir in der Forschung keine ganz klaren Effekte sehen. Es ist auch eine normative Frage: Wollen wir, dass Kinder und Jugendliche diese Plattformen nutzen oder nicht?

Social Media ist ja nicht nur Katzenvideos.

Ganz viel politische und gesellschaftliche Teilhabe findet heute online statt.

Man traut Jugendlichen einerseits politische Teilhabe zu und andererseits nicht den Umgang mit sozialen Medien.

Ja, wir sollten Jugendlichen vielleicht auch mehr zutrauen.

Wenn wir über Medienkompetenz sprechen – nicht alle Kinder bekommen das zu Hause vermittelt.

Deshalb müssen Schulen eine grosse Rolle übernehmen und wirklich alle Kinder erreichen.

Sie haben vorhin das Infinite Scrolling angesprochen.

Dieses Bedürfnis, sich einfach mal zurückzulehnen und etwas Sinnloses zu machen, ist sehr menschlich. Ähnliche Debatten gab es schon bei Romanen oder beim Radio.

Die moralische Aufladung kann problematisch sein, weil man sich dann sogar für eine kurze Pause schuldig fühlt.

Also wenn ich mich mal mit meinem Handy zurückziehe und eine halbe Stunde einfach irgendwelche Videos schaue?

Dann sollte man das auch geniessen dürfen – solange die Balance stimmt.

Ich glaube, wir hätten gerne klare Zahlen.

Ja, viele Eltern wünschen sich fixe Grenzen. Aber die Forschung kann diese klaren Zahlen oft gar nicht liefern.

Wie viel macht eigentlich das Vokabular aus? Viele sprechen von Sucht.

Ich finde die Essensmetapher passender als die Drogenmetapher. Medien können gut oder schlecht sein – es kommt auf Menge und Balance an.

Haben Sie noch konkrete Tipps?

Es gibt inzwischen viele technische Lösungen, etwa Apps wie «One Sec», die einen kurz innehalten lassen, bevor man Instagram öffnet.

Wichtig ist aber vor allem, sich bewusst zu überlegen: Welche Inhalte tun mir gut und welche nicht?

Und dann die Mediennutzung, die ich habe, wirklich geniessen.

Genau.

Lara Wolfers, vielen herzlichen Dank.

Hat Spass gemacht, danke schön.

Das war Unisonar, der Wissenspodcast der Universität Basel. In der nächsten Folge geht es um Klimapolitik. Mein Name ist Catherine Weyer. Bis bald.