Abnehmen scheint oft eine Frage der Disziplin zu sein – doch so einfach ist es nicht. Eleonora Seelig erklärt, wie Gene, Hormone und unser Umfeld unser Gewicht beeinflussen und warum Diäten häufig scheitern.
Ich glaube, es ist sehr schwierig, dass wir alle ein Normalgewicht erreichen. Das Gewicht ist zu einem nicht unbeträchtlichen Teil wirklich genetisch festgelegt. Wir sind gar nicht evolutionär darauf vorbereitet, uns eigentlich gegen das Übergewicht zu schützen. Wir haben schon einen, auch einen luxuriösen Zugang zum Essen, der uns auch ermöglicht, gewisse Entscheidungen zu treffen oder nicht zu treffen.
Du stehst im Supermarkt vor dem Regal und fragst dich: Darf ich das noch essen? Zucker ist schlecht, Brot macht dick. Proteine sind angeblich die Lösung für alles. Und irgendwo heisst es dann wieder: Kalorien sind doch Kalorien. Egal ob Cola oder Nüsse. Rund ums Essen kursieren unzählige Regeln, Mythen und Vorurteile. Sie beeinflussen, wie wir über unseren Körper denken, wie wir andere beurteilen und wie wir mit unserer Gesundheit umgehen.
Was davon ist wissenschaftlich haltbar? Und was macht es mit uns, wenn Ernährung ständig moralisch aufgeladen wird? Darüber spreche ich mit der Ernährungsspezialistin Eleonora Seelig. Sie leitet die Adipositassprechstunde am Universitätsspital Basel und ist Spezialistin für Endokrinologie, Diabetologie und Metabolismus. Das ist Unisonar, der Wissenspodcast der Universität Basel. Eleonora Seelig, herzlich willkommen!
Frau Seelig, wie oft denken Sie ans Essen?
Täglich. Mehrmals.
Und was denken Sie dabei?
Gutes. Ich denke zum Beispiel: Was gibt es? Was gibt es Gutes, was ich essen kann? Ich denke auch: Was habe ich zu Hause? Was kann ich meinen Kindern kochen? Ich denke im Zusammenhang mit der Arbeit über die Ernährung. Wie kommunizieren wir darüber? Was können wir optimieren? Wie können wir unsere Patienten unterstützen?
Sehen Sie da eine Veränderung in den letzten Jahren, vielleicht auch Jahrzehnten? Wie wir über Essen sprechen?
Ja, ich glaube, wir haben in den letzten 10 bis 20 Jahren verstanden, dass gerade Übergewicht eine chronische Erkrankung ist. Wir haben die Mechanismen verstanden oder fangen an, sie zu verstehen. Und ich denke, das hat sich auch in der Klinik ausgewirkt, sodass wir diese Patienten anders unterstützen können.
Wenn jetzt ein Patient oder eine Patientin zu Ihnen in die Sprechstunde kommt, was sind da die drängenden Themen?
Wenn jemand zu uns in die Adipositassprechstunde kommt, dann ist natürlich der Wunsch nach Gewichtsreduktion das Hauptthema. Diese Menschen haben meistens schon viel versucht, haben viel Gewicht abgenommen, haben aber auch dann wieder zugenommen. Häufig ist auch eine gewisse Verzweiflung da, die wir dann aufnehmen und thematisieren.
Und wenn jetzt eine Patientin zu Ihnen in die Sprechstunde kommt, müssen Sie ja zuerst mal schauen: Ist diese Person überhaupt übergewichtig? Wie schauen Sie sich das an? Was ist da ein Normalgewicht? Was ist ein Übergewicht?
Genau. Im Moment halten wir uns sehr an diesen BMI, den Body-Mass-Index. Das heisst, das ist das Körpergewicht durch die Körpergrösse im Quadrat. Und hier haben wir ganz klare Kategorien, die sagen, jemand ist normalgewichtig, übergewichtig oder adipös. Es gibt grosse Diskussionen, ob der BMI alleine der richtige Marker ist. Sie können sich vorstellen: Wenn jemand sehr muskulös ist, dann hat der vielleicht ein grosses Gewicht auf der Waage.
Der BMI ist hoch, aber eigentlich ist diese Person nicht übergewichtig. Also hier passiert in unserem Feld auch gerade sehr viel. Wie wollen wir das Übergewicht in Zukunft besser definieren?
Also gibt es da schon Ideen, in welche Richtung das geht?
Es gibt verschiedene andere Parameter, die wir nutzen können. Das ist zum Beispiel der Bauchumfang. Ganz elegant kann man natürlich auch eine sogenannte Körperdichte-Messung machen, wo man radiologisch oder auch elektrisch untersucht: Wie ist das Verhältnis von Muskulatur, Fettmasse und Knochen? Also da gibt es ganz verschiedene Optionen. Die Frage ist dann, was wirklich im klinischen Alltag anwendbar ist.
Das heisst, in einem ersten Schritt wird es der BMI sein. Und wenn es dann um die Feindefinition geht oder um die Feinabstufung, wo die Probleme liegen, dann wird man einen Schritt weitergehen.
Genau. Das wird sehr heiss diskutiert im Moment. Das zeigt auch: Es ist nicht ganz schwarz-weiss. Einerseits muss es einfach umsetzbar sein, nicht nur am Unispital, sondern in jeder Hausarztpraxis. Auch zu Hause soll man wirklich sagen können: Bin ich normal oder übergewichtig gemäss den Standards? Auf der anderen Seite sehen wir eben: Wenn wir es zu stark vereinfachen, gibt es die eine oder andere Person, die dann halt in die falsche Kategorie fällt.
Und hier einen Konsens zu finden, das ist im Moment im Gange.
Es gibt ja unzählige Diäten, die man machen kann und dann kommt der Jojo-Effekt wieder ins Spiel. Können eigentlich alle Leute das gleiche Gewicht erreichen oder muss man sagen: Meine Genetik erlaubt es einfach nicht, dass ich unter einen gewissen Body-Mass-Index komme?
Ich glaube, es ist sehr schwierig, dass wir alle ein Normalgewicht erreichen. Das Gewicht ist, wie Sie es gerade erwähnt haben, zu einem nicht unbeträchtlichen Teil wirklich genetisch festgelegt. Es gibt biologische Faktoren, die vorgeben, welches Zielgewicht der Körper erreichen soll. Und das ist bei einigen Leuten im Normbereich und bei anderen über dem, was wir als Norm anschauen.
Und sollten diese Leute dann unter ihr genetisches Gewicht kommen, damit sie in der Norm drin sind? Oder ist es für sie absolut okay, wenn sie in einem höhergewichtigen Bereich sind?
Es kann natürlich sein, dass das Zielgewicht des Körpers im übergewichtigen Bereich liegt. Und dann haben wir das Problem, dass dieses Übergewicht gewisse Folgeschäden verursachen kann, wie Diabetes oder Bluthochdruck und dadurch auch das Risiko für einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall steigt. Also das Zielgewicht des Körpers ist nicht unbedingt ein gesundes Gewicht.
Und da ist es dann gut, wenn man nachhilft und versucht, dieses Gewicht runterzubringen.
Genau. Da versuchen wir die Leute zu unterstützen. Gerade wenn das Sollgewicht des Körpers und das gewünschte Gewicht unterschiedlich sind, dann ist es wirklich schwierig, das Gewicht zu senken. Das ist eben das, was unsere Patienten erleben. Sie versuchen vieles zu erreichen, aber man nimmt immer wieder Gewicht zu. Das ist ein bisschen der Klassiker jeder Geschichte, die wir hören.
Wenn ich mir jetzt überlege, wie ich Gewicht reduzieren kann, dann denke ich: Ich kann Kalorien zählen, ich kann verschiedene High-Protein- oder Low-Carb-Diäten ausprobieren, ich kann mein Sportpensum erhöhen. Was kommt denn noch dazu in der Adipositassprechstunde? Was können Sie den Leuten noch anbieten?
Wir versuchen natürlich auch da Unterstützung zu bieten, gerade mit der Ernährungsberatung, dass man wirklich gezielt schaut: Wo können wir Kalorien reduzieren? Wie können wir Kalorien gesund reduzieren? Wir haben eine Zusammenarbeit mit der Sportmedizin, dass wir wirklich auch mehr körperliche Aktivität in den Alltag reinbringen können. Und dann haben wir die Möglichkeit, auch medikamentös zu unterstützen mit den – ich nenne es jetzt mal – Abnehmspritzen, die im Moment auch sehr in den Medien besprochen werden.
Es gibt auch bei sehr starkem Übergewicht die Möglichkeit einer bariatrischen Operation, also eines chirurgischen Eingriffs, um das Gewicht zu reduzieren.
Das wäre dann eine Magenverkleinerung oder ein Magenbypass.
Genau.
Diese Abnehmspritzen, die sind ja in aller Munde. Und gefühlt jeder zweite Celebrity spritzt sich damit zehn Kilo runter. Wie Heilsversprechen sind diese Medikamente?
Ich denke, die Medikamente sind sehr gut. Aber sie haben ihre Limitationen. Und das sind keine Lifestyleprodukte, sondern es sind wirklich Medikamente, für die es eine medizinische Indikation braucht. Wir kennen diese Medikamente schon lange. Das ist nichts ganz Neues. Wir kennen sie aus der Diabetesbehandlung. Wir haben deshalb schon über Jahrzehnte Erfahrung mit diesen Medikamenten.
Ich denke, was sich verändert hat in den letzten Jahren, ist, dass sie einfacher geworden sind in der Anwendung. Sie sind effizienter geworden in Bezug auf die Gewichtsreduktion. Und wir sind eben auch aus dem Diabetesfeld in die Adipositasbehandlung reingekommen mit diesen Medikamenten.
Und was genau macht das Medikament?
Was es macht? Es basiert eigentlich darauf, dass es künstliche, vereinfacht gesagt künstliche Darmhormone sind. Die schütten Sie auch aus, wenn Sie etwas essen. Und diese Darmhormone führen zu einer Sättigung, das heisst, man ist schneller satt. Man lässt zum Beispiel den zweiten Teller Pasta stehen. Der Kuchen interessiert nicht mehr, man hat auch nicht mehr so Hunger. Also die Verlockung ist nicht so da.
Sie haben mich vorher gefragt, ob ich ans Essen denke. Ja, ich habe mir vorher überlegt: Kaufe ich mir noch schnell eine Fastenwähe, bevor ich hier hinkomme? Ich hatte dann leider keine Zeit, sonst hätte ich das gemacht. Mit diesen Medikamenten hätte ich vielleicht nicht daran gedacht. Und man muss auch sagen: Es war kein Hungergefühl, das mich zu diesem Gedanken verleitet hat, sondern einfach die Lust darauf, etwas Gutes zu essen.
Ich glaube, das zeigt schön: Diese Medikamente nehmen so ein bisschen das Bedürfnis, auch zwischendurch noch etwas zu essen, obwohl der Hunger eigentlich gar nicht da ist.
Es gibt auch diese kritischen Stimmen, die sagen: Leute, die die Abnehmspritze nehmen, haben einfach zu wenig Willenskraft. Also man könnte sich auch einfach zusammenreissen und sagen, ich kaufe mir jetzt nicht zwischendurch noch ein Stück Kuchen oder irgendwas. Was sagen Sie zu diesen Leuten?
Ich sage, das ist eine komplett falsche Ansicht. Ich glaube, da muss man wirklich wegkommen von dieser Stigmatisierung, dass man das Übergewicht mit Disziplinlosigkeit oder Faulheit zusammenbringt. Das hat die Biologie gezeigt. Da komme ich zu diesem Sollgewicht zurück und auch dazu, was der Körper eigentlich wünscht oder was das Hirn will oder das Hirn steuert, wo wir mit dem Gewicht hin sollen.
Wenn das Hirn sagt: Ich möchte mehr Gewicht haben, dann ist das extrem schwierig, dem entgegenzusteuern. Jemand, der nie Probleme mit dem Gewicht gehabt hat, hat wahrscheinlich ein niedriges Sollgewicht. Das Hirn ist zufrieden und er kennt das gar nicht. Er weiss nicht, wie viel Energie man aufbringen muss, um den Appetit zu reduzieren, um nicht nachzugeben, obwohl das Gehirn sagt: Iss das.
Dieses Signal ist sehr stark. Und das ist ja auch ein überlebenswichtiges Signal, weil das Gehirn und der Körper Energie brauchen.
Woher kommt dann dieser Beschaffungsdruck? Weiss man das? Also wieso denkt das Gehirn, ich muss ein höheres Gewicht erreichen, damit ich vom Säbelzahntiger wegrennen kann?
Das ist eine sehr gute Frage. Wenn man evolutionär zurückschaut, dann war ja bis vor kurzem unser Hauptproblem, dass wir zu wenig Energie haben. Wir leben jetzt plötzlich in einer Situation, wo wir im Überfluss leben, und der Körper hat sich eigentlich nicht wirklich daran adaptiert.
Vor 100 oder 200 Jahren, als man nicht kurz in die Bäckerei gehen konnte und sich eine Fastenwähe holen, war es wirklich wichtig, dass man das Gewicht behält. Diese Signale vor dem Energiemangel waren sehr stark. Sie sind evolutionär sehr stark ausgebildet. Wir haben weniger starke Signale, die uns sagen: Jetzt ist genug.
Wir sind gar nicht evolutionär darauf vorbereitet, uns eigentlich gegen das Übergewicht zu schützen. Man kann sich vorstellen – das ist eine Hypothese –, dass ein höheres Gewicht in früheren Jahren vielleicht sogar produktiv war und das Überleben gefördert hat. Und jetzt schlägt das um zum Negativen.
Und wenn jetzt eine Patientin zu Ihnen kommt und ganz klar sagt: Ich möchte die Abnehmspritze, sie ist aber im Normalbereich, darf sie sie dann nehmen?
Dann würden wir dieses Medikament nicht verschreiben. Es gibt ganz klare medizinische Indikationen. Dazu gehört Übergewicht. Je nachdem, wenn das Übergewicht nicht sehr ausgeprägt ist, geben wir das auch nur ab, wenn schon gewisse Komplikationen da sind, wie zum Beispiel Diabetes oder Bluthochdruck.
Und wenn diese Person jetzt auf anderen Wegen zu dieser Abnehmspritze kommt, kann sie das trotzdem nehmen? Funktioniert das dann genau gleich, wie wenn ich adipös wäre?
Die Medikamente funktionieren unabhängig davon, ob Sie übergewichtig oder normalgewichtig sind. Das ist natürlich nicht indiziert, bei einer normalgewichtigen Person so eine Behandlung anzufangen. Wir würden sehr stark davon abraten. Wir würden das nicht verschreiben. Ich glaube, das muss man sich bewusst sein.
Aber die Person würde abnehmen.
Die Person würde abnehmen, ja.
Und welche Nebenwirkungen kann es dann geben?
Das ist ganz wichtig bei diesen Medikamenten: Das sind ja auch keine Zaubermittel. Wie alle Medikamente können sie Nebenwirkungen haben. Die häufigsten Nebenwirkungen, die wir antreffen, sind Magen-Darm-Beschwerden wie Aufstossen, Blähungen, Durchfall, Verstopfung. Das ist nicht selten und das ist vor allem zu Beginn der Behandlung. Man muss deshalb mit der Dosis langsam steigern. Man muss schauen, ob die Behandlung verträglich ist.
Sie haben vorhin erwähnt, dass man diese Medikamente zur Gewichtsabnahme schon lange kennt. Für Diabetespatient*innen, und jetzt kommt es langsam in den Adipositasbereich. Hat man Adipositas unterschätzt, hat man das lange als Gesellschaftskrankheit angeschaut, anstatt als tatsächliche Erkrankung?
Ja, das ist sicher so. Ich glaube, das ist auch im Moment noch so, dass diese Stigmatisierung stattfindet. Also wir haben uns noch nicht ganz davon gelöst. Ich denke, was sich wirklich geändert hat, auch von der Forschung her, ist, dass wir seit den 80er-Jahren langsam ein Verständnis dafür bekommen, dass viele Hormone und Botenstoffe bei der Gewichtsregulation eine wichtige Rolle spielen und dass der eigene Wille da etwas untergeordnet ist.
Wir haben jetzt sehr viel über die Ernährung gesprochen. Sie haben aber auch schon ein paar Mal die Sportmedizin angesprochen. Wie sehr spielt eigentlich die Ernährung eine Rolle beim Gewicht und wie sehr die Bewegung? Und ist das von Beginn an ein Thema? Also muss ich jetzt mein Kleinkind auch schon motivieren, dass es sich regelmässig bewegt?
Je mehr Bewegung, desto besser. Wenn wir uns noch mal überlegen, wie das Gewicht zustande kommt: Zum einen ist es die Energie, die zugeführt wird, und zum anderen ist es die Energie, die verbrannt wird. Diese Verbrennung können wir über die körperliche Aktivität mitsteuern. Je mehr wir da optimieren können, je mehr wir da reinbringen können, umso besser, umso einfacher ist es, das Gewicht zu kontrollieren.
Und gibt es einen Zusammenhang zwischen wenig Bewegung als Kind und Adipositas im Alter?
Wir sehen leider zunehmend auch Adipositas bei Kindern. Das ist sicher einerseits auf die Ernährung zurückzuführen oder Fast Food, diese overprocessed foods. Zum anderen wissen wir aber auch: Die Kinder bewegen sich weniger. Also hier haben wir die ungünstige Kombination von zu vielen Kalorien und zu wenig Bewegung.
Können die Kinder diese Adipositas auch wieder rückgängig machen oder ist das dann etwas mit dem Stoffwechsel, dass es dann extrem schwierig wird?
Diese Kinder haben wahrscheinlich schon auch eine Veranlagung, eher ein höheres Gewicht anzustreben. Es ist aber nicht unmöglich, das Gewicht zu reduzieren. Ich glaube, es lohnt sich wirklich, früh anzusetzen, um die Freude am Sport reinzubringen, um die Freude an gesundem und anderem Essen weg vom Fast Food reinzubringen.
Wie sehr spielt eigentlich die Psyche eine Rolle bei Übergewicht?
Die Psyche spielt eine wichtige Rolle. Wir haben vorher auch das emotionale Essen angesprochen, auch das Auseinandersetzen mit diesem Thema. Wenn man Gewicht abnehmen will und dann wieder zunimmt, ist das häufig mit Frustration verbunden. Ich glaube, das ist auch ein wichtiger Ansatzpunkt, wo wir versuchen, unsere Patienten verhaltenstherapeutisch zu unterstützen, wenn das ein Thema ist.
Das ist bei weitem nicht bei jedem der Fall. Aber wenn wir sehen, dass hier Bedarf besteht, dann geben wir gerne Hand.
Und wie ist es mit der psychischen Belastung durch das Übergewicht? Das gibt es ja dann auch.
Ich glaube, das ist einerseits natürlich die körperliche Belastung, die sich auf die Psyche auswirken kann. Man kann sich vorstellen: Wenn man übergewichtig ist und dadurch Knieschmerzen bekommt, man ist eingeschränkt, man ist gestresst. Das kann schon auch depressive Verstimmungen verstärken.
Auf der anderen Seite – und das darf man nicht unterschätzen – gibt es halt immer noch die Stigmatisierung. Was gewisse Patienten erzählen, was sie erleben, ist erschreckend. Das kann durchaus am Selbstbild nagen und sich auch psychisch auswirken.
Das gegenteilige Phänomen ist die Body-Positivity-Bewegung, wo man auch sagt: Auch Leute, die ein enormes Übergewicht haben, sind schön, können in kurzen Kleidern rumlaufen, können ihren Körper zeigen. Ist das eine positive Entwicklung? Oder – ich nehme an, das ist ein recht schmaler Grat zwischen Body Positivity und ungesundem Lebensstil.
Genau. Ich glaube, das ist grundsätzlich eine positive Entwicklung, dass man sich auch so akzeptiert, wie man ist. Das Übergewicht an sich macht dann Probleme, wenn diese Komplikationen kommen, wenn der Blutdruck steigt, wenn es zum Diabetes kommt. Ich glaube, da müssen wir ansetzen und schauen: Auch wenn jemand zu uns in die Sprechstunde kommt, wie viele Risikofaktoren bringt er schon mit? Wo steht er im Moment mit dem Gewicht? Wo wäre ein gesünderes Gewicht?
Nicht jeder muss normalgewichtig werden. Das ist auch illusorisch, auch mit den Medikamenten, auch zum Teil mit der Bariatrie, die im Moment den grössten Gewichtsverlust induzieren kann. Man muss nicht auf Teufel komm raus ein Normalgewicht erreichen. Ich glaube, man muss einfach ein gesundes Gewicht haben, das keine Komplikationen mit sich bringt.
Wir haben jetzt viel über das Übergewicht gesprochen. Nehmen wir jetzt mal an, ich bin eine normalgewichtige Person. Ich habe keine Erkrankungen wie Bluthochdruck etc. Ich möchte mich einfach gesund ernähren und lese dann immer wieder: Proteine sind wichtig für den Muskelaufbau, Proteine sind wichtig, wenn man dann ins Alter kommt und langsam mit einem Knochenschwund etc. Stimmt das oder ist das einfach der nächste Hype in einer Reihe von Diäten, um wahrscheinlich auch Produkte zu verkaufen?
Proteine sind wichtig, das ist sicher so. Das ist für die Muskulatur, das ist für die Körperfunktion insgesamt sehr wichtig. Wir tendieren in unseren Breitengraden schon etwas dazu, eher auf Kohlenhydrate und Fette zu setzen und der Proteinanteil ist eher gering.
Ich glaube, eine gesunde Ernährung ist eine ausgewogene Ernährung. Man muss sich nicht unbedingt mit Proteinpulver zusätzlich diese Proteine zuführen. Aber eine gesunde Ernährung ist wirklich eine ausgewogene Ernährung, wo Proteine doch durchaus einen wichtigen Bestandteil haben.
Also dass man dann zur Fastenwähe dazu vielleicht noch ein Stück Räuchertofu reinmacht oder so was.
Genau.
Beim Kalorienzählen, das habe ich ja vorhin schon mal angesprochen. Da zählt man einfach: Wie viele Kalorien hat ein Produkt? Und wenn ich mir sage, ich darf am Tag 1500 Kalorien essen, dann esse ich einfach, was ich möchte. Wenn Sie sagen, eine ausgewogene Ernährung ist wichtig, dann reicht es in dem Fall nicht, dass ich Kalorien zähle, weil dann nehme ich vielleicht einen Donut und dann habe ich schon mein halbes Soll für den Tag erfüllt.
Genau. Die Frage ist immer, was ist das Ziel? Wenn man grundsätzlich einfach abnehmen möchte, dann muss man die Kalorien reduzieren. Das kann man mit Low Carb oder Low Fat machen. Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Wenn man abnehmen will: Kalorien reduzieren und idealerweise die Verbrennung erhöhen, indem man mehr körperliche Aktivität reinbringt.
Wenn wir aber eine gesunde, langfristige Ernährung anstreben – und das versuchen wir mit der Ernährungsberatung bei unseren Patienten –, dann schauen wir eher: Was ist der Alltag? Wie ernähren sich die Patienten? Wie ausgewogen ist das? Ist der Proteinanteil genügend? Sind die Vitamine abgedeckt? Wir versuchen dann anhand der bestehenden Ernährung einfach zu optimieren.
Die Erfahrung hat gezeigt: Wenn wir sehr restriktive Diäten machen, funktioniert das schon gut, aber nur für eine gewisse Zeit. Wenn man dann wieder in die alten Muster zurückfällt, hat man ein hohes Risiko, dass das Gewicht schnell wieder zurückkommt.
Wie ist es eigentlich mit dem Jojo-Effekt? Da habe ich auch schon gelesen, dass wenn man zu viele Diäten macht, der Stoffwechsel irgendwann völlig durcheinander ist und dass man dann am Ende weniger Kalorien verbraucht und entsprechend, obwohl man die Kalorienzahl reduziert hat, eigentlich ständig zunimmt.
Der Jojo-Effekt ist ein wichtiges Thema. Sie haben das jetzt eigentlich schön beschrieben. Was passiert, ist: Mit jeder Gewichtsabnahme reduziert man auch etwas die eigene Verbrennung. Wenn wir uns noch mal überlegen, wie das Gewicht zustande kommt: Es kommt dadurch zustande, wie viele Kalorien wir essen und wie viel wir verbrennen. Wenn hier ein Ungleichgewicht entsteht, nehmen wir Gewicht zu.
Beim Jojo-Effekt essen wir zwar weniger, der Körper denkt aber: Oje, das ist nicht gut, mir geht Energie verloren. Was er macht: Er reduziert auch seine Energieverbrennung. Wenn wir dann wieder in ein altes Ernährungsmuster zurückfallen und wieder etwas mehr Kalorien essen, dann passt sich der Körper aber nicht an. Denn er ist ja schlau und denkt: Es könnte wieder eine Fastenperiode kommen.
Dann braucht es eigentlich wenig mehr, dass man wieder Gewicht zunimmt. Das heisst, dass man dieses Gewicht im Fettgewebe speichert und eben nicht verbrennt. Je mehr solche Zyklen man durchläuft, desto ausgeprägter wird dieses Ungleichgewicht und desto schneller nimmt man dann auch wieder zu.
Kann man da irgendwo einen Reset-Button drücken?
Es wäre schön. Wir versuchen, dass es gar nicht so weit kommt, indem wir auch die körperliche Aktivität sehr hervorheben. Ich habe diese Zusammenarbeit mit der Sportmedizin angesprochen. Das ist für uns wirklich ganz wichtig: Gerade wenn die Leute solche Abnehmspritzen erhalten, sollen sie diese Chance ergreifen, um wieder mehr Bewegung in den Alltag reinzubringen.
Wenn wir die Muskelmasse erhalten können, dann hoffen wir, dass wir diese Reduktion der eigenen Verbrennung nicht so stark haben.
Und wenn jetzt mein Gehirn sagt: Ich brauche einen erhöhten BMI, weil das ist für mich das Richtige, und ich möchte das aber nicht, sondern ich möchte im Normalgewicht-Bereich sein, bedeutet das dann, dass ich den Rest meines Lebens gegen den inneren Trieb ankämpfen muss? Ich möchte jetzt eigentlich noch dieses Stück Brot oder was auch immer essen.
Ja, ich glaube, das haben wir schon gelernt: Adipositas ist eine chronische Erkrankung. Die wichtige Frage ist: Können wir diesen Setpoint oder dieses Sollgewicht verändern? Im Moment haben wir den Reset-Button noch nicht gefunden. Auch wenn wir Leute mit diesen Abnehmspritzen behandeln: Wenn man das absetzt, hat man durchaus ein Risiko, wieder Gewicht zuzunehmen.
Ich glaube, wenn man es schafft, die körperliche Aktivität auszubauen, wenn man es schafft, die Muskulatur zu erhalten oder sogar zu steigern, dann hat man eine Chance. Aber es ist kein einfacher Weg.
Wir haben am Anfang darüber gesprochen, dass Ernährung ein viel zentraleres Thema geworden ist in der Gesellschaft. Finden Sie das eigentlich eine gesunde Entwicklung oder hat es auch negative Effekte, wenn wir ständig an Essen denken und daran, wie wir essen sollten, damit es optimal zu unserem Leben passt?
Ich denke, es ist eine interessante und spannende Entwicklung. Auch meine Kinder schauen Kochshows. Ich bin begeistert. Sie kochen auch zu Hause, sie setzen sich damit auseinander. Ich glaube, wir haben schon einen luxuriösen Zugang zum Essen, der uns auch ermöglicht, gewisse Entscheidungen zu treffen oder nicht zu treffen. Ich finde das grundsätzlich eine positive Entwicklung.
Kann es auch kippen, dass man sich zu sehr mit dem Essen auseinandersetzt und dann vielleicht zum Beispiel die Kalorienzahl zu sehr reduziert oder nur noch Proteine zu sich nehmen will?
Genau. Ich denke, das ist schon problematisch. Sie haben vorher auch das Kalorienzählen angesprochen. Das ist grundsätzlich eine gute Methode. Es kann aber auch gewisse Essstörungen mit sich bringen. Da muss man sehr sorgfältig sein und gut aufpassen. Auch hier versuchen wir in der Sprechstunde zu schauen: Ist emotionales Essen ein Thema? Und bieten entsprechend Unterstützung an, wenn wir sehen: Ja, das ist ein Thema.
Was glauben Sie, wie wird sich Ihre Arbeit in den nächsten zehn, 15 Jahren entwickeln? Werden wir mehr von diesen Abnehmspritzen sehen? Wird sich da der Umgang damit verändern?
Wir werden definitiv mehr von diesen Abnehmspritzen sehen. Es kommen zusätzliche Produkte auf den Markt, Produkte, die auch noch zu einer stärkeren Gewichtsreduktion führen werden. Es ist dann für uns Ärzte spannend zu sehen: Welches Produkt setzen wir bei welcher Person ein? Ich glaube, eine ganz wichtige Frage ist: Wie lange sollen wir therapieren? Ist es eine lebenslange Therapie? Können wir irgendwann absetzen und hoffen, wir haben diesen Sollpunkt oder das Sollgewicht nun verändert?
Da wird sich noch extrem viel tun.
Wie werden sich die Operationen verändern? Wird man in Zukunft weniger Magenoperationen durchführen?
Ich denke, das wird immer im Angebot bleiben. Wir sehen, dass mehr Leute sich bei uns melden mit der Frage nach Gewichtsreduktion. Die Nachfrage ist extrem angestiegen, aber bei nicht allen funktionieren diese Medikamente. Das muss man auch sehen. Ich glaube, die bariatrische Chirurgie ist immer eine gute Option, wenn man sieht: Man steht an. Oder auch bei Leuten, die sehr übergewichtig sind und mit den Medikamenten nicht in einen Zielbereich kommen, der gesund ist. Wenn es noch mehr bräuchte, sind diese Operationen wirklich gute Tools, die wir haben.
Und Sie haben ja gesagt, dass Adipositas und Diabetes eng miteinander zusammenhängen. Glauben Sie, die Diabetesrate wird sinken? Wird diese Krankheit verschwinden?
Ich hoffe es. Obwohl das auch ein zweites Standbein von mir ist. Aber ich denke schon. Das ist ja auch das Ziel von diesen Behandlungen: Dass wir die Leute eigentlich gesünder machen, dass wir diese Komplikationen reduzieren. Es geht nicht in erster Linie um eine Schönheitsbehandlung, dass man Gewicht verliert, sondern aus medizinischer Sicht darum, das kardiovaskuläre Risiko zu reduzieren, auch das Krebsrisiko zu reduzieren.
Wir wollen hier medizinisch ansetzen und diese Komplikationen verhindern.
Vielleicht noch ganz zum Schluss: Was würden Sie mir sagen? Wann kann ich von mir selbst denken: Ich lebe gesund, unabhängig von meinem BMI?
Ganz grundsätzlich: Wenn Sie sich schon mal wohlfühlen, das ist das Allerwichtigste. Wenn man übergewichtig ist, dann lohnt es sich, beim Hausarzt mal zu kontrollieren: Hat man schon irgendwelche Komplikationen von diesem Übergewicht? Hat man einen Bluthochdruck oder eine Vorform des Diabetes, ist das Cholesterin zu hoch? Wenn man dann sieht: Oh ja, da ist etwas, dann lohnt es sich auch bei Wohlbefinden, darüber zu sprechen.
Wie kann man das reduzieren? Wie kann man Gewicht abnehmen? Wenn diese Komplikationen nicht vorliegen, dann heisst das nicht, dass sie nicht kommen können. Aber dann muss man nicht um jeden Preis das Gewicht reduzieren. Man muss schauen: In welcher Lebenssituation befindet sich die Person? Welche Komplikationen bringt die Person schon mit? Wie viel Energie kann sie aufbringen, um Gewicht zu reduzieren? Wie viel Zeit hat diese Person?
Das sind alles Faktoren, die mit reinkommen. Aber ich glaube, wenn Sie sich schon mal wohlfühlen, so wie Sie sind, dann ist das eine super Ausgangslage.
Eleonora Seelig, herzlichen Dank.
Danke Ihnen.
Das war Unisonar, der Wissenspodcast der Universität Basel. In der nächsten Folge spreche ich mit dem Umweltepidemiologen Martin Röösli darüber, welchen Schaden täglicher Lärm anrichten kann und welche gesundheitlichen Risiken von der Technologie 5G ausgehen. Mein Name ist Catherine Weyer. Bis bald.