Warum helfen wir anderen und was bringt es uns selbst? Georg von Schnurbein zeigt, weshalb Spenden und freiwilliges Engagement nicht nur altruistisch sind, sondern auch unser eigenes Wohlbefinden stärken.
Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Menschen, die sich freiwillig engagieren, gesünder sind, dass sie fröhlicher sind, dass sie zufriedener sind mit ihrem Leben. In der Schweiz werden pro Jahr circa 2 Milliarden gespendet. Und das sind primär Spenden von Herr und Frau Schweizer. Das sind nicht jetzt grosse Stiftungsbeiträge oder Einzelspenden. Jeder Altruismus braucht Egoismus. Und gerade beim Spenden oder beim freiwilligen Engagement sehen wir, dass es für die Menschen auch immer eine Frage ist, was sie selbst davon auch haben oder was es ihnen mit ihnen selber macht.
Aber das ist ja auch gar nicht falsch.
Du spendest Geld für einen guten Zweck, hilfst bei einem Event oder engagierst dich freiwillig in einem Verein und fühlst dich danach irgendwie gut. Aber warum eigentlich? Tun wir das wirklich nur für andere? Oder auch ein bisschen für uns selbst? Für das gute Gewissen? Ein besseres Selbstbild oder vielleicht sogar ein bisschen Anerkennung? Sich für andere einzusetzen, gilt als etwas Positives.
Gleichzeitig stellt sich die Frage: Was macht es mit mir? Und welche Erkenntnisse sind wissenschaftlich gesichert? Darüber spreche ich heute mit Georg von Schnurbein. Er ist Professor für Stiftungsmanagement der Universität Basel und erforscht unter anderem, warum Menschen spenden und sich freiwillig engagieren. Das ist Unisonar, der Wissenspodcast der Universität Basel. Georg von Schnurbein, herzlich willkommen!
Hallo!
Wir reden ja oft von Philanthropie und von Altruismus. Was ist das genau?
Also Philanthropie verstehen wir als jede private, freiwillige Handlung für einen gemeinnützigen Zweck. Das ist ein sehr breites Verständnis. Dazu zählt für uns Freiwilligenarbeit, Spenden, das Gründen von einer Stiftung oder von einer Non Profit Organisation. Also das heisst, Philanthropen sind für uns nicht nur reiche Menschen. Und es ist nicht abhängig von meinem Scheckheft, ob ich Philanthrop oder Philanthropin sein kann oder nicht, sondern es kann eigentlich jeder von uns sich philanthropisch engagieren.
Also wenn ich einmal im Jahr 100 Franken spende für eine Organisation, dann bin ich eine Philanthropen.
Dann ist das eine philanthropische Aktivität. Ob man sich ständig und immer als Philanthropin fühlt oder Philanthrop, das weiss ich nicht. Ob damit das mit der einen Spende getan ist? Aber das zählen wir dazu auf jeden Fall.
Und würden Sie auch sagen, dass das eine altruistische Handlung von mir ist, wenn ich Geld spende?
Altruismus verstehen wir deutlich enger, als es vielleicht in der Presse oder so verwendet wird. Für uns ist Altruismus etwas, was mit einem Opfer zu tun hat. Das heisst, es geht damit ein Wohlfahrtsverlust einher. Ich verliere also etwas und jetzt ist es so: Wenn Sie 100 Franken spenden, dann ist das ja meistens nicht so, dass Sie dann danach nichts mehr zu essen kaufen können oder so, sondern Sie spenden eigentlich aus Überfluss heraus.
Und insofern ist das nicht wirklich ein Opfer. Eine Organspende ist altruistisch, weil ich dafür tatsächlich ein Opfer bringen muss und dann wirklich etwas mir fehlt, was ich nicht einfach ersetzen kann. Und insofern sprechen wir bei der Philanthropie eigentlich eher von einem anderen Konzept. Und das nennt sich generalisierte Reziprozität. Das heisst, ich gehe davon aus, dass ich helfe, weil ich erwarte, dass mir auch mal geholfen wird, wenn mir etwas zustösst oder wenn ich in Schwierigkeiten bin und generalisiert sagen wir deshalb, weil es nicht ein gegenseitiges Aufrechnen ist, sondern eben innerhalb der Gesellschaft, die davon ausgehen, dass wir uns gegenseitig helfen.
Also doch ein bisschen egoistisch?
Jeder Altruismus braucht Egoismus. Ja, es geht auch darum, was es mir mit mir selbst tut, was ich selbst davon habe. Und gerade beim Spenden oder beim freiwilligen Engagement sehen wir, dass es für die Menschen auch immer eine Frage ist, was sie selbst davon auch haben oder was es ihnen mit ihnen selber macht. Aber das ist ja auch gar nicht falsch.
Es wäre falsch zu erwarten, dass alles, was wir für andere tun, immer ganz eben altruistisch und unvoreingenommen sein muss und man wirklich ein totales Opfer bringen muss.
Es gibt ja wahrscheinlich verschiedene Typen von Spender*innen. Also es gibt die, die schauen, was gibt es bei mir gleich ums Eck, wo ich etwas unterstützen kann und andere spenden dann eher auf andere Kontinente. Mit grossen Projekten – kann man da so eine gewisse Einteilung machen, wer wofür spendet?
Ja, das ist eine ganze Wissenschaft für sich. Dann werden grosse Untersuchungen gemacht zu Spenderinnen-Segmenten und das wird nach verschiedensten Formen, zum Beispiel nach der Grösse der Spende oder nach der Häufigkeit oder eben nach dem Fokus, den man dabei hat, unterteilt. Weil dahinter steht ja auch dann wieder ein ganzer Aktivismus, um Menschen zu überzeugen, zu spenden. Und da muss ich sie natürlich auf die richtige Art und Weise ansprechen.
Ganz generell würde ich sagen, es ist eben gerade die Vielfalt, die das Spenden ausmacht. Also es gibt eigentlich keinen Zweck, für den nicht gespendet wird und manche fühlen sich eher angesprochen darüber, dass sie über eine Crowdfunding-Plattform gemeinschaftlich etwas unterstützen können. Andere wollen eben den unmittelbaren Bezug haben, das heisst, sie würden am liebsten das Geld selber abliefern. Und wieder andere gehen dann eher in die weite Welt hinaus und suchen als effektive Altruisten den Ort oder die Möglichkeit, wo sie mit ihrem Geld den meisten Menschen helfen können.
Steigt die Spendenbereitschaft mit dem Alter oder gibt es da irgendwann einen Knick? Wann spenden die Leute im Schnitt am meisten Geld?
Also wir spenden ja aus dem Überfluss. Also von dem her hängt das auch ein bisschen von den verfügbaren Mitteln ab und dementsprechend gibt es da schon eine gewisse Entwicklung. Und in Zeiten, wo man zum Beispiel in der Ausbildung ist oder in der Familiengründung, wird vielleicht im Schnitt weniger gespendet als dann später. Es kommt auch immer darauf an, was man genau anschaut.
Wenn man jetzt sozusagen die normalen Spenden im Massenmarkt betrachtet, also Spenden, die durch direkte Mails gesammelt werden oder ähnliche Mechanismen, dort sieht man schon, dass die wichtigste Spendergruppe zwischen 50, 55 und bis 70 Jahre alt ist und dann flacht das wieder etwas ab.
Und es gibt ja die privaten Spenden und es gibt die Legate, wo dann gleich auf einen Schlag Millionen weitergegeben werden. Ich habe dann da manchmal das Gefühl: Bringt es überhaupt etwas, wenn ich jetzt mal einen kleinen Betrag spende? Verglichen mit dem anderen ist es ja nichts. Oder ist es da die grosse Masse, die den Unterschied macht?
Das ist auf jeden Fall die grosse Masse, die einen Unterschied macht. Also in der Schweiz werden pro Jahr circa 2 Milliarden gespendet und das sind primär Spenden von Herr und Frau Schweizer. Das sind nicht jetzt grosse Stiftungsbeiträge oder Einzelspenden, die gibt es auch, die nehmen auch zu im Gesamten. Aber das wird anders betrachtet. Und man muss auch feststellen, dass die Individualspenden für andere Zwecke gegeben werden als jetzt diese Grossspenden.
Die Grossspenden gehen häufig an Institutionen, an Museen, an Spitäler, an Universitäten und unterstützen ergänzend das, was der Staat auch finanziert. Die Individualspenden gehen vornehmlich an Themen wie Entwicklungshilfe, soziale Zwecke, Kinder, Tierschutz, also Themen, die vielleicht näher an der Lebensrealität der Menschen sind.
Wenn in den USA die Philanthropie so viel öffentlicher ist, fliesst dann dort auch viel mehr Geld?
Ja, es wird in den USA sehr viel mehr gespendet. Philanthropie gehört in den USA eher zur öffentlichen Sphäre und in der Schweiz oder in Kontinentaleuropa eher zur Privatsphäre. Und das merkt man eben in dem Fall.
Und in den USA ist man entsprechend viel abhängiger von den Spender*innen, die jederzeit sagen können: Jetzt zahle ich nicht mehr und dann fehlt ein riesiger Brocken Geld.
Ja, gerade in der Kultur sieht man das ja, wenn man sich die Vorstände oder Stiftungsräte von grossen Kunstinstitutionen anschaut, dass das natürlich sehr stark getrieben wird durch entsprechende Personen mit einem grossen Geldbeutel.
Und das Verhalten der Spender*innen – ist das konstant in den letzten Jahrzehnten geblieben oder sehen Sie da auch eine Veränderung?
Da gibt es natürlich durchaus Veränderungen. Die klassische Spender*innen-Generation der Nachkriegsgeneration, Babyboomer, kommt jetzt in ein Alter, wo sie weniger spendet und die anderen Generationen noch nicht im gleichen Masse nachziehen.
Was würde denn passieren, wenn die Spenden jetzt plötzlich ausbleiben oder stark zurückgehen würden?
Das hätte gravierende Folgen auf ganz verschiedenen Ebenen. Sehr viele Sportvereine, Jugendinitiativen und Kulturbereiche würden nicht mehr funktionieren.
Ich kenne die Situation so, dass wenn ich auf das Tram warte und dann kommt eine Organisation und quatscht mich an, ob ich kurz Zeit hätte. Wie viel Einfluss hat mein schlechtes Gewissen auf meine Spendenentscheidung?
Wir reagieren darauf, dass wir gefragt werden. Der Fakt, dass man gefragt wird, ist einer der wichtigsten Gründe überhaupt.
Sie haben die Bettelbriefe erwähnt – in welche Richtung entwickelt sich denn das Fundraising?
Wie in anderen Bereichen auch, ist es natürlich eine Digitalisierung, die hier passiert. Online-Spenden werden stärker eingesetzt.
Wenn sie jetzt nicht mehr in erster Linie die Institutionen sind, die Spenden anfragen, sondern das auch immer wieder Crowdfunding etc. gemacht wird, rutscht dann das ganze Spendenwesen langsam in den Privatbereich hinein?
Grundsätzlich hat der Spendenmarkt keine Eintrittsbarrieren. Jeder kann einen Spendenaufruf starten.
Sie haben vorhin schon mal die Vereine erwähnt, und die sind ja nicht nur auf Geldspenden angewiesen, sondern auch auf freiwilliges Engagement. Wie sieht die typische Person aus, die sich freiwillig engagiert?
Der Statistik nach ist die durchschnittliche freiwillig engagierte Person weiblich, um die 55 bis 60 Jahre alt und protestantisch.
2 Milliarden Franken spenden die Schweizer*innen. Kann man das auch aufrechnen auf die Freiwilligenarbeit?
Bei der Freiwilligenarbeit gibt es eine Zahl, dass circa 650 Millionen Stunden Freiwilligenarbeit pro Jahr geleistet werden.
Sind das die gleichen Menschen, die Geldspenden tätigen oder ist es quasi entweder oder?
Nein, Zeit ist viel kostbarer. Im Schnitt engagieren sich in der Schweiz um die 30 Prozent der Menschen freiwillig regelmässig. Verglichen mit den 77 Prozent, die regelmässig spenden, ist das deutlich weniger.
Wenn die Geldspenden langsam das Problem haben, dass die Leute nicht mehr so loyal sind – haben die Vereine ähnliche Probleme?
Ja, da gibt es grosse Veränderungen. Auch bei den freiwilligen Engagements stellen wir fest, dass die Einsatzzeiten sich verkürzen.
Können diese Vereinsstrukturen überhaupt noch überleben in der heutigen Zeit?
Ich glaube schon. Aber natürlich müssen sich die Vereine fragen, wie sie sich für die Zukunft aufstellen wollen.
Früher hatten Vereine auch eine wahnsinnig starke Funktion als Netzwerk. Hat der Verein diese Funktion noch?
Da hat sich sicherlich etwas verändert. Kontaktanbahnung läuft heute über Tinder, Linkedin oder andere soziale Netzwerke.
Wenn wir uns jetzt in 20 Jahren noch mal treffen – glauben Sie dann, es gibt so etwas wie den Verein noch?
Das auf jeden Fall. Für gewisse Aspekte im Leben sind diese Strukturen unheimlich hilfreich.
Wir haben jetzt viel darüber gesprochen, welche Vorteile die Gesellschaft hat, wenn ich Zeit oder Geld spende. Aber was bringt es mir persönlich?
Es gibt sehr viel Forschung, die zeigt: Geben gibt. Menschen, die sich freiwillig engagieren, sind gesünder, fröhlicher und zufriedener mit ihrem Leben.
Also sollen wir alle Sorge tragen zu unserem freiwilligen Teil?
Ja, das wäre schön, wenn das noch stärker gemacht wird.
Vielleicht schaffe ich es dieses Jahr auch mal. Georg von Schnurbein, vielen herzlichen Dank.
Das war Unisonar, der Wissenspodcast der Universität Basel. Folgt uns, damit ihr nichts verpasst. Mein Name ist Catherine Weyer. Bis bald.